Mal wieder Marx lesen

[Ein Artikel aus der aktuellen Unipress der ÖH Salzburg #692]

Die Empfehlung zum 200. Geburtstag des Begründers der wissenschaftlichen Weltanschauung kann nur lauten: Studiert seine Bücher! Darin sind gute Ideen, die aber nicht umsetzbar sind? Mitnichten. Schon die ersten sozialistischen Anläufe haben viel davon verwirklicht. Für einen erneuten Anlauf gilt es, aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Denn die Welt ist erkennbar. Und veränderbar.

Am 5. Mai jährt sich der Geburtstag des wichtigsten antikapitalistischen Theoretikers Karl Marx (1818-1883) zum 200. Mal. Seine bekanntesten Schriften, das „Kommunistische Manifest“ (1848 gemeinsam mit Friedrich Engels im Auftrag des Bunds der Kommunisten verfasst) sowie das „Kapital“ (der erste von drei Bänden erschien 1867) sind als Weltkulturerbe anerkannt. Auf ihn und sein Werk beriefen und berufen sich nach wie vor Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt. Am wirkmächtigsten war das in den sozialistischen Staaten rund um die Sowjetunion der Fall, mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (deren 100. Jubiläum wir letztes Jahr gefeiert haben) als Fanal.

Nach wie vor hochaktuell

Seine Gedanken sind heute so umstritten und zukunftsweisend wie eh und je.

Zukunftsweisend – denn sie liefern die nach wie vor gültige Grundlage dafür, die kapitalistische Gesellschaft entlang der entscheidenden Linien richtig zu analysieren und davon abgeleitet die Bedingungen für die Überwindung des Kapitalismus angeben zu können. Marx‘ Werk ist ein Instrument zur revolutionären Umgestaltung der Welt.

Umstritten – denn diejenigen, die vom Kapitalismus profitieren, haben ganz und gar kein Interesse an dessen Sturz. Sie versuchen daher mit allen Mitteln, ihn zu verhindern. Dazu gehören ganz zentral auch die Mittel der Ideologie. Marx dazu: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“[1]

Kein Wunder daher, dass sie stets aufs Neue das Werk von Karl Marx verdammen, verdrängen und verzerren. Auch die Universitäten spielen hier mit: Marx wird mitunter gar nicht gelehrt, so kann es – nicht zuletzt in Salzburg, wo die vernunftfeindliche „analytische Philosophie“ dominierend ist – vorkommen, dass man in einem kompletten Philosophie-Studium nichts von Marx hört, vom Bachelorstudium bis zum Doktorat. Oder aber es werden Versatzstücke aus dem Werk von Marx aus dem Kontext gerissen, verabsolutiert und so insgesamt in eine verzerrende Darstellung gebracht. Weitere Überlegungen über das Eingebettet-sein der Universitäten im Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus finden sich in der Broschüre „Gemeinsam kämpfen!“[2].

Grundlinien seines Denkens

Marx war weder in erster Linie Philosoph noch in erster Linie Ökonom, wie es vor allem manche bürgerliche „Marxologen“ behaupten. Sondern in erster Linie war er politischer Revolutionär – darin besteht der konstante Kristallisationskeim seines gesamten Denkens. Ihm ging es um den „kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“[3]

Von dieser revolutionären Grundhaltung ausgehend, hat Karl Marx gemeinsam mit seinem Freund und Kampfgefährten Friedrich Engels aber sehr wohl für die Philosophie, die Ökonomie, die Geschichtswissenschaften, die politische Theorie ganz wesentliche Umwälzungen gebracht. Letztlich für die Wissenschaft insgesamt – denn auf Basis seiner Überlegungen ist auch die Frage, was Wissenschaftlichkeit überhaupt bedeutet, neu zu fassen (nämlich dialektisch-materialistisch).

Auf Ebene der Philosophie besteht der Kern der Neuerung im Denken des Verhältnisses zwischen Begriff und Wirklichkeit. Kurz vor Beginn des Wirkens von Marx hatte die vormalige Philosophie mit Hegel einen Abschluss gefunden: Hegel schuf den bis dato systematischsten philosophischen Entwurf, er brachte den Gesamtzusammenhang der Welt in eine in sich schlüssige begriffliche Einheit. Darauf aufbauend konnte Marx das Theorie-Praxis-Verhältnis neu denken. Neben einigen Schwächen im Detail war der Hauptmangel im Denken Hegels, dass er im Wesentlichen auf der Ebene des Begriffs blieb. Marx hingegen schlug den Bogen zur Wirklichkeit. Hegel wollte – inspiriert durch die Französische Revolution – die Welt revolutionieren, indem er die Gedankenwelt revolutionierte. Marx hingegen erkannte das unmittelbare, aber theoriegeleitete Eingreifen in die Wirklichkeit als ausschlaggebend – als in theoretischer wie praktischer Hinsicht entscheidend. So formulierte er in seiner berühmten Elften Feuerbach-These, die immer noch das Foyer der Humboldt-Universität zu Berlin ziert: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“[4] Das ist nun aber nicht so zu verstehen, als wäre die Philosophie aus Sicht von Marx zugunsten politischer Praxis überflüssig geworden. Nein, die Notwendigkeit einer kategorialen Erfassung der Welt, deren Selbstreflexion sowie die Orientierung der politischen Praxis an diesen Kategorien wird keineswegs hinfällig. Aber sie hat sich nach Marx bewusst und selbstbewusst in die politischen Auseinandersetzungen ihrer jeweiligen Zeit zu stellen, ihre Stellung darin zu reflektieren und für die fortschrittlichen Kräfte Partei zu ergreifen. Was dem historischen Fortschritt in Richtung des marxistischen kategorischen Imperativs[5] dient, wird somit zum Relevanz- und Wahrheitskriterium philosophischer Spekulation. Ein platter Pragmatismus ist das allerdings nicht, wenn man begründet davon ausgeht, dass das Wahre und Gute im Ideal objektiv zusammenfallen. Und gegen verflachende Marx-Interpretationen ist festzuhalten: Auch ontologische Fragestellungen (also Fragen danach, was die Welt im Innersten zusammenhält) werden dadurch nicht obsolet, aber sie müssen den Bezug zur Praxis einbegreifen.

Marx konstatierte die geschichtliche Bedingtheit aller gesellschaftlichen Verhältnisse und machte die grundlegende gesellschaftliche Ebene in der Ebene der Ökonomie aus – „erst kommt das Fressen, dann die Moral“[6]. Er erforschte daher eingehend die Funktionsweise der kapitalistischen Ökonomie und legte mit dem „Kapital“ eine nach wie vor gültige Analyse vor. Er stellte fest, dass die bisherige Geschichte im Wesentlichen eine „Geschichte von Klassenkämpfen“[7] zwischen ausbeutenden/unterdrückenden und ausgebeuteten/unterdrückten Klassen ist. Die im Kapitalismus ausgebeutete Arbeiterklasse hat dabei ein objektives Interesse am Sturz dieses Gesellschaftssystems und am Aufbau des Sozialismus. Marx‘ ökonomische Analysen ergeben, dass der Sozialismus die einzig mögliche Negation des Kapitalismus ist.

Diese wissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnisse gehören zusammen. All jenen, die Marx als Orientierungspunkt verstehen wollen, sei ins Stammbuch geschrieben: Seinem Werk wird man nur gerecht, wenn man es als Einheit in sich und auch in Einheit mit den Werken von Friedrich Engels und Wladimir Lenin, mit den Erfahrungen der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung sowie der bisherigen sozialistischen Staaten sowie mit den Aufgaben der heutigen kommunistischen Bewegung versteht. Denn das alles ist eine Einheit: der Marxismus-Leninismus, die wissenschaftliche Weltanschauung. Wenn man hingegen versucht, Marx als Steinbruch zu verwenden, von dem man eklektizistisch dies oder jenes übernehmen und anderes verwerfen kann, wenn man versucht, Marx gegen Engels oder Lenin auszuspielen oder wenn man der historischen und gegenwärtigen politischen Praxis der Arbeiterbewegung äußerlich gegenübertritt, so begeht man eine Abstraktion, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird und die einen unweigerlich vom marxistischen Weg abbringt.

Die Erben Marxens

Aufgrund der weitverbreiteten antikommunistischen Propaganda sind manche verwundert, wenn beispielsweise die sozialistische DDR als das mit Abstand bessere Deutschland verstanden wird. Das müsste in einem gesonderten Aufsatz ausgeführt werden, an dieser Stelle nur ein paar Worte darüber. In der DDR gab es mehr soziale Sicherheit für alle BürgerInnen als es in der BRD heute gibt oder je gab. Die DDR war eine Friedensmacht, während die BRD munter imperialistische Kriege führt. Die vielbeklagten Aktivitäten des aufgrund der imperialistischen Aggressionen nötig gewordenen MfS waren ein Klacks gegen das, was etwa der BND heute so betreibt. Und übrigens hatten die BürgerInnen der DDR neben mehr sozialer Sicherheit und Zukunftsperspektiven aufgrund des humaneren Zusammenlebens nachgewiesenermaßen auch ein erfüllenderes Liebes- und Sexleben, mehr Selbstbewusstsein und gleichzeitig weniger narzisstische Neigungen als die BRD-Bevölkerung[8].

Die Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus hat mit der Konterrevolution in Osteuropa 1989-1991 aber keinesfalls geendet. Die Kräfte des Kapitals haben nur einen vorläufigen Sieg errungen. Sie tun nun so, als wäre der Kapitalismus für immer in Stein gemeißelt, doch das ist ganz und gar nicht der Fall. Tagtäglich stehen weltweit ArbeiterInnen, StudentInnen, Arbeitslose, RentnerInnen auf und kämpfen tapfer für ihre Rechte und Interessen. Jedoch sind diese Kämpfe kaum miteinander verknüpft und sehr oft mit Illusionen in die Reformierbarkeit des Kapitalismus getränkt. Ein „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ ist aber ein Ding der Unmöglichkeit – Krieg, Armut, Arbeitslosigkeit, Elend, diese Erscheinungen folgen logisch aus den wesentlichen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus. Diejenigen politischen AktivistInnen, die der Aufgabe nachkommen, die Kämpfe zu verknüpfen und Illusionen zu zerstören, nennen Marx und Engels in ihrem Manifest die KommunistInnen:

„Die Kommunisten unterscheiden sich von den übrigen proletarischen Parteien nur dadurch, daß sie einerseits in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen, andrerseits dadurch, daß sie in den verschiedenen Entwicklungsstufen, welche der Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie durchläuft, stets das Interesse der Gesamtbewegung vertreten. Die Kommunisten sind also praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder; sie haben theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus.“[9]

Die weltweite kommunistische Bewegung ist heute erst noch dabei, sich von der schweren Niederlage um 1990 herum zu erholen. Aber sie ist dabei, sich zu erholen. Dies zeigt sich daran, dass die Klärung der dadurch aufgeworfenen weltanschaulichen Fragen immer sicherer voranschreitet. Es gibt noch viel Verwirrung, aber verglichen mit den letzten 25 Jahren seit der Konterrevolution ist das Schlimmste überwunden. Für immer mehr Kommunistinnen und Kommunisten zeichnen sich immer deutlicher die Umrisse einer kohärenten Gesamtanalyse der Schwächen und Fehler der bisherigen kommunistischen Bewegung und der von ihr geführten sozialistischen Länder ab. Eine eigenständige, also von der bürgerlichen und opportunistischen Ideologie unabhängige kommunistische Niederlagenanalyse ist wesentliche Voraussetzung für das Wiedererstarken der revolutionären Kräfte. Es ist die Kommunistische Partei Griechenlands (KKE), die bisher am meisten in diese Richtung geleistet hat. Um sie herum gruppieren sich zunehmend auch kommunistische Parteien anderer Länder, die eine klare revolutionäre Strategie verfolgen wollen.

Der Kampf geht weiter. Karl Marx bleibt dabei ein wesentlicher Bezugspunkt. Und der Sozialismus wird siegen.

 

Fußnoten

[1] Marx/Engels: Das kommunistische Manifest, siehe: http://bit.ly/2FkCN9j

[2] KSV Salzburg: Gemeinsam kämpfen!, siehe http://bit.ly/2qyAJPD

[3] Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, siehe: http://bit.ly/1E8A5bA

[4] Marx: Thesen über Feuerbach, siehe http://bit.ly/2eJ3Eyr

[5] Siehe oben.

[6] Brecht: Ballade über die Frage „Wovon lebt der Mensch?“, siehe: http://bit.ly/2IfYxko

[7] Marx/Engels: Das kommunistische Manifest, siehe: http://bit.ly/2FkCN9j

[8] Vergleiche zum Beispiel: Berliner Zeitung, http://bit.ly/2G3VP3k und MDR, http://bit.ly/2u61dOq

[9] Marx/Engels: Das kommunistische Manifest, siehe: http://bit.ly/2FkCN9j